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Jedes Jahr am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond lässt man in Lügde, der Sitte der Väter folgend, am ersten Ostertag bei Einbruch der Dunkelheit, um 21 Uhr brennende Räder vom Osterberg ins Tal der Emmer hinabrollen. Ausrichter dieses alten Brauchtums ist der Dechenverein mit über 600 Mitgliedern.
Wie alt nun unser Brauchtum ist, lässt sich nicht feststellen, da es keine bzw. kaum frühe Aufzeichnungen gibt. Das Zurückreichen dieser Sitte bis in die heidnisch-germanische Zeit ist nicht nachweisbar.

Es ist nicht verwunderlich, dass im aufgeklärtem 18. Jahrhundert, als man möglichst Äußerungen des Volkslebens nach nationalen Gesichtspunkten zu reglementieren versuchte, auch unser alter schöner Brauch anstößig wurde.
Dieser Situation verdanken wir in Lügde die bisher früheste Erwähnung unseres Brauchtums. Bei einer Synodalvisitation in Lügde am 21. April 1743 erteilte der Generalvikar von Wydenbrück, dem Bürgermeister Wolfgang Barkhausen und dem Rat der Stadt Lügde den Befehl, das Laufen der Osterräder abzuschaffen und beauftragte den damaligen Richter der Stadt, die Räder wegzubringen. Als Begründung gab er den großen Lärm an und das dadurch Versündigungen verursacht würden, die vielen Bürgern Schaden zufügten. Doch die tradtitionbewussten Lügder befolgten dieses Verbot nicht, denn diese Anordnung wurde weder jemals erneuert, noch sind Bestrafungen dieserhalb zu verzeichnen.

Von einem weiterem Verbot wird 1781 berichtet. Von 1762 bis 1782 war Wilhelm Anton von Asseburg Bischof von Paderborn. Er war ein sehr strenger Geistlicher und den weltlichen Genüssen nicht gerade zugetan. Aufgrund dieser Einstellung gönnte er den Untertanen kaum Vergnügen und Genuss und erließ deshalb 1777 ein Kaffee-Edikt, worin er den Bürgern, Bauern und niedrigen Beamten den Gebrauch von Kaffee verbot. Trotz mehrmaligen Wiederholens dieser Anordnung hatte diese Anordnung nicht den erhofften Erfolg. Ebenso wenig Erfolg hatte Wilhelm mit nachfolgender Verordnung, die das Aus für den Räderlauf bedeutet hätte:

„Von Gottes Gnaden, wir Wilhelm Anton von Asseburg Bischof von Paderborn. Thun und verfügen hiermit zu wissen, daß an verschiedenen Orten unseres Hochstiftes als ein sogenanntes Osterfeuer angezündet, hierbey aber allerley Ausschweifungen begangen werden. Wir uns daher bewogen finden, sothanes Osterfeuer durchgehendes ohne einige Ausnahmen abzuschaffen und zu verbieten, mit dem ernstlichen Befehl, daß wenn ungeachtet dessen oder mehrere sich dennoch unterstehen sollten, ein solches Feuer anzuzünden, nicht nur die Urheber, und welche dazu Holz und Stroh und andere Materialien herbeigeschafft haben, in fünf Taler fällig erkläret…….usw. Gegeben in unserem Residenzschloß Neuhaus, den 2. April 1781“.

Das Volk ließ sich von diesen Verboten aber nicht einschüchtern, denn weiterhin brannten die Osterfeuer und auch die Osterräder liefen wie schon seit Jahrhunderten von den Bergen ins Emmer- bzw. Mariental.
Dem weiteren Wortlaut der Protokolleintragung von 1743 ist zu entnehmen, dass damals drei Osterfeuer in Lügde abgebrannt wurden. Vor den drei Stadttoren, wobei je zwei Räder von diesen Osterfeuern aus den Weg ins Tal suchten. Zu jedem dieser Tore gehörte eine bestimmte Anzahl von Leuten, die sich auch damals schon Dechenbrüder, also --Brauchtumswächter-- nannten. Jede dieser Gruppen hatte ihren eigenen Berg von dem die Räder liefen. So gehörte zum Brückentor der Osterberg und zum Oberen Tor der südliche Kirchberg. Hier liefen die Räder durch den so genannten „Schiefen Grund“. Der Abstoßplatz ist noch heute im Gelände sichtbar und die Flurbezeichnung für diese Stelle lautet „Osterberg“. Der nördliche Kirchberg war Ablaufplatz für das „NiedereTor“ und später mit dem „Hägische Tor“ zusammen.

Die Räder des Oberen Tores wurden in einer Nische in der Stadtmauer im Hofe des Landwirtes Schlieker, die des Niederen Tores im Garten an der heutigen ev. Kirche und die des Brückentores in einem Schuppen Nähe des Brückenturmes aufbewahrt.
Der Lauf der Räder vom südlichen Kirchberg musste im Jahre 1872 eingestellt werden, da die Räder bis auf die inzwischen fertiggestellten Eisenbahngeleise liefen. Aus dem gleichen Grund musste auch 1902 der Räderlauf vom nördlichen Kirchberg eingestellt werden. Die nun zwangsläufig „arbeitslos“ gewordenen Dechenbrüder wurden aber gerne in die Osterbergruppe aufgenommen. Seitdem laufen die Osterräder nur noch vom Osterberg.
Erst seit ungefähr 250 Jahren lässt sich die Geschichte des Räderlaufes in Lügde chronologisch verfolgen. So wissen wir, dass die Anzahl der Räder in den vergangenen Jahren unterschiedlich war. Nach dem Zusammenschluss der drei Gruppen liefen bis 1926 zunächst vier, bis 1930 fünf, danach sechs Räder, wie bereits vor dem Zusammenschluss.

Die Jahre ab 1933 beeinträchtigten den alten Brauch erheblich. Der Nationalismus, der ja alles was germanischen Ursprungs war, zu Propagandazwecken nutzte, führte nun im Zeichen des Hakenkreuzes den Räderlauf seit 1933 aus. Über Lautsprecher wurden die Besucher über die Bedeutung des Räderlaufes in Zusammenhang mit der germanischen Frühlingsgöttin Ostara aufgeklärt.
1934 wurden Stadttore errichtet und die Dechenbrüder mussten in Landsknechtstracht das ganze Spektakel unterstützen. Der schöne Volksbrauch wurde zu einem SA- und SS-Aufmarsch umgestaltet. Die Einnahmen kassierte die Partei und die Dechen, die diesen uralten Brauch trotz aller Schwierigkeiten bis in die heutige Zeit erhalten hatten, waren nur noch Randfiguren. 1934 liefen sogar sieben Räder und ein riesiges Hakenkreuz wurde von 200 Fackelträgern am Berghang dargestellt.

Doch die Bevölkerung und die Dechenbrüder konnten und wollten sich mit dieser neuen Durchführung ihres christlich orientierten Räderlaufes nicht abfinden. Zunächst versuchte man mit hohen Schadensansprüchen der Grundstückseigentümer, den Räderlauf zu boykottieren, doch hiermit hatte man keinen Erfolg. Daher errichteten Lügder Bürger am 25. Juli 1935 unmittelbar an der Ablaufstelle der Osterräder, auf einem Steinsockel ein 10m hohes Kreuz. Nun kreuzten sich hier zwei Weltanschauungen – Christentum und Neuheidentum.

Da das Kreuz auf einem Privat-Grundstück errichtet war, konnte die Gegenseite einen Abbruch bzw. Die Beseitigung des Kreuze nicht erwirken. Wer waren nun die Initiatoren des damals sicherlich sehr waghalsigen Vorhabens. Fast alle Männer dieser Gruppe gehörten der damals schon verbotenen Zentrumspartei an. Der Maurerpolier August Rüsenberg von der Kanalstraße hatte die Idee und fand auch schnell bald bei seinen Freunden und Bekannten trotz der Gefährlichkeit dieses Unternehmens Zustimmung. Gezimmert wurde das Kreuz in Sagels Scheune in der Kanalstraße vom Stellmacher Johannes Blome von der Bahnhofstraße, vom Bautischler Johannes Gärtner und weiteren Helfern.

Nachdem der Bruchsteinsockel fertiggestellt und das Kreuz vom Malermeister Otto Krüger gestrichen war, übernahm der Landwirt Hermann Blome, er war auch Grundstückseigentümer, den Transport zum Osterberg am 25. Juli 1935. Die Gruppe arbeitete so verschwiegen, dass es in der Stadt kaum bekannt war. Umso größer war dann das Erstaunen, plötzlich auf dem Osterberg dieses 10m hohe Kreuz zu sehen. Auch die Nazis übersahen es natürlich nicht und prangerten im Aushangkasten am Rathaus diese „Verräter“ an. Das Kreuz musste von der Partei bei den weiteren Räderläufen in den nächsten Jahren als „Oppositionskreuz“ geduldet werden, allerdings wurde es entsprechend mit Hakenkreuzfahnen zugestellt.

1958 erwarb der Dechenverein des Kreuzgrundstück und übernahm das Kreuz und seine Pflege. Im Jahre 1970 wurde das inzwischen baufällige Kreuz durch ein Neues aus einer alten Lärche ersetzt. Bedingt durch einen landwirtschaftlichen Unfall, musste dieses Kreuz 1998 erneuert werden.
Alljährlich vom Palmsonntag bis zum Weißen Sonntag erstrahlt es weithin leuchtend ins Emmertal, um Kunde zu geben vom großen Osterereignis am 1. Ostersonntag, aber auch als Zeitzeuge erinnernd an den mutigen Widerstand einiger Lügder Bürger.
Während der Kriegszeit sind bis 1944 vier Räder gelaufen, allerdings früh am Abend, noch bei Tageslicht, da es wegen des Verdunkelungsbefehles zu einem späterem Zeitpunkt nicht möglich war.
1945 zum Ende des unsinnigen Krieges, lief dann seit langen, langen Jahren kein Rad. Doh schon 1946 nahmen beherzte Männer, einige der Dechenbrüder befanden sich ja noch in Gefangenschaft, der alten Tradition an. Die Veranstaltungen wurden genau wie die damaligen Lebensbedingungen, von Jahr zu Jahr besser in der Organisation und auch im Ablauf.

Schon 1951 wurde ein neues Rad gebaut, welches den schönen Sinnspruch erhielt:

       "Sechs Jahre nach Kriegsleid- immer noch friedlose Zeit"

Das 1954 erstellte Rad erhielt nach einem durchgeführten Wettbewerb den Spruch:

       "Lauf für Deutschland Einigkeit, lang genug ist es entzweit"

Schon damals sehnten sich unsere Lügder Bürger nach der Wiedervereinigung.

Die ausgedienten Räder wurden bzw. werden an interessierte Museen abgegeben. So befinden sich heute in Kiel, Berlin Hannover, Detmold und Kassel diese Räder und geben Zeugnis von diesem so schönen und alten Brauchtum.
1951 wurde nach dem Räderlauf zum ersten Mal ein Höhenfeuerwerk abgebrannt. Wer heute Zeuge des Räderlaufes ist, denkt weniger an die Ursprünge oder tiefere Bedeutung. Er lässt sich gefangen nehmen von der Atmosphäre, die durch die Erwartung Tausender von Menschen im Tal und auf den Höhen der umgebenden Berge spürbar wird.

Ein Böllerschuss kündet den Beginn an und lässt die Besucher verstummen. Das erste Rad wird angezündet. Die Flammen schlagen hoch, man glaubt, es würde ausbrennen noch bevor es den Lauf antritt. Aber die Dechen verstehen ihr Handwerk. Zum richtigen Zeitpunkt wird das Rad mit Hilfe einer Stange in Bewegung gesetzt.

Das angestrahlte Kreuz erlischt. Feierlich setzt das Glockengeläut der Stadtkirche ein. Erst langsam, dann immer schneller rollt das Rad dem ersten Abhang zu, stürzt diesen hinab, gewinnt an Fahrt und Schwung, überspringt Wege, durchbricht Hecken und Zäune und zieht unbeirrbar und kraftvoll seine feurige Bahn ins Tal, wo das Rad vom Tusch der Musikkapelle und dem Jubel der Besucher begrüßt wird.
In kurzen Abständen folgen dann noch weitere fünf Räder. Immer wieder dasselbe faszinierende Schauspiel. Kommen die Räder gut ins Tal , so wird es dem alten Volksglauben folgend, ein gutes Erntejahr geben.

Allmählich breitet sich die Dunkelheit im Tal aus. Noch lange ist der verglühende Strohfächer der sechs Feuerspuren der Räder in der Dunkelheit der Nacht am Osterberghang weithin sichtbar.
Sichtlich beeindruckt von diesem einmaligen Schauspiel verlassen die Zuschauer den Ort des Geschehens.

Dieter Stumpe
Dezember 2017